Rötungen an der Schwanzspitze, angefressene Ohren, entzündete Klauen – viele Schweinehalter kennen diese Befunde und ordnen sie reflexartig als „Schwanzbeißen“ ein. Die neuere Forschung, allen voran die Arbeiten von Prof. Dr. Dr. habil. Gerald Reiner an der Justus-Liebig-Universität Gießen, zeigt jedoch: Ein erheblicher Teil dieser Veränderungen entsteht ohne Zutun anderer Tiere. Das Krankheitsbild dahinter heißt SINS – Swine Inflammation and Necrosis Syndrome, auf Deutsch das Entzündungs- und Nekrosesyndrom des Schweins.
Für die Bestandsbetreuung ist diese Unterscheidung mehr als akademisch. Wer SINS von klassischem, sozial bedingtem Schwanzbeißen trennen kann, findet gezielter die richtigen Stellschrauben im Betrieb – und schont sich unnötige Diskussionen über Verhaltensprobleme, wo eigentlich der Stoffwechsel der Schweine die Ursache ist.
Beispiel aus der Praxis, Entzündungs- und Nekrosesyndrom (Quelle: KNG GmbH)
SINS bezeichnet ein klinisches Syndrom, bei dem entzündliche Veränderungen und Gewebeschäden an unterschiedlichen Körperregionen auftreten können. Die wissenschaftliche Beschreibung geht insbesondere auf Arbeiten von Prof. Dr. Dr. habil. Gerald Reiner und seinem Team an der Justus-Liebig-Universität Gießen zurück.
Auffällig ist, dass Veränderungen nicht ausschließlich am Schwanz vorkommen müssen. Auch Ohren, Klauen, Zitzen und weitere Körperregionen können betroffen sein. Werden ähnliche Befunde an mehreren Stellen gleichzeitig beobachtet, sollte deshalb nicht vorschnell allein auf Schwanz- oder Ohrbeißen geschlossen werden.
Ein wichtiges Indiz ist das Auftreten entsprechender Veränderungen bereits bei neugeborenen Saugferkeln. Zu diesem Zeitpunkt können die Läsionen nicht durch vorheriges gegenseitiges Beißen erklärt werden. Forschungsarbeiten beschreiben zudem gefäßassoziierte Gewebeveränderungen, die für eine Beteiligung körpereigener Entzündungsprozesse sprechen.
Wichtig für die Praxis: SINS ist nicht mit jeder Schwanznekrose gleichzusetzen. Umgekehrt schließt das Auftreten von Beißverletzungen einen möglichen Zusammenhang mit SINS nicht aus. Beide Prozesse können gleichzeitig vorkommen und sich gegenseitig beeinflussen.
Die Universität Gießen hat eine Reihe von Lehrvideos veröffentlicht, in denen das Syndrom, mögliche Auslöser und Befunde in verschiedenen Produktionsabschnitten erläutert werden.
Der Verlauf folgt meist einem erkennbaren Muster: Auf Rötung und Schwellung der betroffenen Stellen folgen Verfärbungen und Krustenbildung, im fortgeschrittenen Stadium auch Geschwüre und schließlich echte Nekrosen. Sind die Klauen mitbetroffen, kommt es häufig zusätzlich zu Lahmheiten – ein Symptom, das in der Praxis leicht übersehen oder anderen Ursachen zugeschrieben wird, wenn man SINS nicht auf dem Schirm hat. Für die betroffenen Schweine bedeutet das nicht nur ein Tierwohl-, sondern auch ein handfestes Leistungsthema: Wohlbefinden und Zunahmen leiden spürbar.
Das klinische Bild kann unterschiedlich ausgeprägt sein. Möglich sind zunächst Rötungen, Schwellungen und Veränderungen der Hautoberfläche. Im weiteren Verlauf können Krusten, Einblutungen, offene Läsionen und abgestorbenes Gewebe auftreten.
Besonders aufmerksam sollten Tierhalter bei folgenden Befunden werden:



Nicht jede Veränderung ist spezifisch für SINS. Beispielsweise können Klauenläsionen auch durch Bodenbeschaffenheit und mechanische Belastung, Ohrverletzungen durch Rangkämpfe und Schwanzläsionen durch tatsächliches Beißen entstehen. Entscheidend ist daher das Gesamtbild und die Verteilung der Befunde im Bestand.
Die Unterscheidung ist für die Ursachenanalyse besonders wichtig. Beim klassischen Schwanzbeißen steht ein Verhalten der Schweine im Vordergrund, das durch unterschiedliche Risikofaktoren begünstigt werden kann. Dazu gehören beispielsweise unzureichende Beschäftigungsmöglichkeiten, ungünstige Klimabedingungen, Fütterungsprobleme oder Stress.
Bei SINS wird dagegen ein Syndrom beschrieben, bei dem entzündliche Veränderungen auch ohne vorausgehendes Beißgeschehen auftreten können. Als mögliche Mechanismen werden unter anderem körpereigene Entzündungsreaktionen und Veränderungen im Bereich kleiner Blutgefäße diskutiert.
In der Praxis ist eine eindeutige Trennung nicht immer möglich. Bereits geschädigtes Gewebe kann für andere Schweine besonders attraktiv sein und zusätzliches Beißen auslösen. Umgekehrt können durch Beißen entstandene Wunden ähnlich aussehen wie andere entzündliche oder nekrotische Veränderungen.
Die Konsequenz: Bei Schwanz- und Ohrläsionen müssen sowohl mögliche Verhaltensprobleme als auch gesundheitliche, fütterungsbedingte und haltungsbedingte Einflüsse geprüft werden. Eine einseitige Ursachenzuschreibung kann dazu führen, dass wichtige Risikofaktoren übersehen werden.
Die Universität Gießen stellt auch ein separates Video zum Schwanz- und Ohrbeißen bereit. Es ergänzt die SINS-Videos bei der Beurteilung von Verhaltensproblemen und möglichen Zusammenhängen.
Die Entstehung von SINS ist wissenschaftlich noch nicht in allen Einzelheiten geklärt. Es gibt Hinweise auf eine Beteiligung körpereigener Entzündungsprozesse. Gleichzeitig können Umwelt, Haltung, Fütterung und genetische Faktoren das Auftreten und die Ausprägung von Veränderungen beeinflussen. Welcher Faktor im einzelnen Betrieb entscheidend ist, lässt sich nicht pauschal beantworten.
Ein einzelner Auslöser lässt sich bei SINS selten benennen – vielmehr wirken mehrere Faktoren zusammen:
Eine hohe Stoffwechselbelastung, beispielsweise durch energiereiche und rohfaserarme Rationen, wird als möglicher Einflussfaktor bei SINS diskutiert. Entzündliche Darmprozesse und eine gestörte Darmbarriere könnten dazu beitragen, dass bakterielle Bestandteile wie Endotoxine vermehrt in den Blutkreislauf gelangen und Entzündungsreaktionen begünstigen. Auch Mykotoxine im Futter können die Tiergesundheit beeinträchtigen und sind bei entsprechenden Verdachtsmomenten abzuklären. Darüber hinaus können eine unzureichende Thermoregulation infolge ungünstiger Klimabedingungen sowie eine mangelhafte Wasserversorgung zusätzlichen Stress verursachen. Für die Bestandsbetreuung ist es deshalb sinnvoll, Fütterung, Kotbeschaffenheit, Verdauungsgesundheit und die allgemeine Stoffwechselsituation gemeinsam zu beurteilen.
Tipp: Die hohe Stoffwechselleistung unserer Hausschweine steht im direkten Zusammenhang mit ihrer Thermoregulation. Diese sollte Beachtung finden. Schnell einmal Temperatur messen, und man erhält einen wertvollen Hinweis.
Eine bedarfsgerechte Rationsgestaltung und eine hygienisch einwandfreie Futterqualität sind grundlegende Voraussetzungen für die Tiergesundheit. Bei auffälligen Beständen sollten insbesondere Energie- und Nährstoffversorgung, Rohfasergehalt, Futterwechsel und Futterhygiene überprüft werden.
Mykotoxine können die Gesundheit von Schweinen beeinträchtigen und sind bei entsprechendem Verdacht gezielt zu untersuchen. Sie sollten allerdings nicht ohne entsprechende Befunde als Ursache von SINS angenommen werden.
Eine ausreichende Wasseraufnahme ist für Verdauung, Stoffwechsel und Thermoregulation unverzichtbar. Bei der Bestandskontrolle gehören daher Tränkenanzahl, Erreichbarkeit, Funktion und Durchfluss sowie die tatsächliche Wasseraufnahme auf den Prüfstand.
Tipp: Eine einfach eingebaute Wasseruhr lässt schnell erkennen, ob sich am Wasserverbrauch der Schweine etwas geändert hat und dies vielleicht Einfluss auf ein klinisches Geschehen im Stall nimmt.
Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftbewegung, Liegebereich und Bodenbeschaffenheit beeinflussen das Wohlbefinden und die Gesundheit der Schweine. Ungeeignete Bedingungen können zusätzlichen Stress verursachen und bestehende Probleme verstärken.
Bei Veränderungen an Klauen oder Haut sind insbesondere mechanische Belastungen, feuchte und verschmutzte Flächen sowie scharfkantige oder beschädigte Böden zu berücksichtigen. Siehe dazu auch unseren Blogartikel zum Thema Klauengesundheit.
Da entsprechende Veränderungen bereits bei Saugferkeln beobachtet werden, sollte die Sauengesundheit in die Ursachenanalyse einbezogen werden. Fütterung, Wasseraufnahme, Allgemeingesundheit und der Verlauf der Abferkelphase liefern wichtige Hinweise.
Auch genetische Einflüsse wurden in wissenschaftlichen Arbeiten beschrieben.
Tipp: Bei wiederkehrenden Problemen kann es daher sinnvoll sein, die Befunde über mehrere Würfe hinweg zu dokumentieren und Unterschiede zwischen Sauen- und Eberherkünften zu prüfen. Ein genetischer Einfluss lässt sich im Einzelfall jedoch nicht allein aus dem klinischen Erscheinungsbild ableiten und kann sowohl der Eber- wie auch der Sauenlinie zugeordnet werden.
Die Ausprägung des Syndroms verändert sich je nach Lebensabschnitt – ein Grund, warum die Uni Gießen das Thema in eigenen Filmen für die einzelnen Produktionsstufen aufbereitet hat. Die Verteilung und Ausprägung der Veränderungen kann sich mit dem Alter der Schweine verändern. Eine regelmäßige Kontrolle bereits in der Abferkelbucht hilft, Auffälligkeiten früh zu erfassen und ihre Entwicklung weiterzuverfolgen.
Bei Saugferkeln sollten Schwanzbasis und Schwanzspitze, Ohren, Kronsaum und Ballen sowie gegebenenfalls Zitzen und weitere auffällige Körperregionen kontrolliert werden. Veränderungen in den ersten Lebenstagen sind besonders aufschlussreich, weil sie nicht durch vorheriges gegenseitiges Schwanzbeißen erklärt werden können.
In der Aufzucht sollten Schwanz und Ohren weiterhin kontrolliert und die Befunde an Klauen und anderen Körperregionen einbezogen werden. Gleichzeitig gewinnen Gruppenverhalten, Beschäftigungsmöglichkeiten, Futteraufnahme, Wasserzugang und Stallklima an Bedeutung. Treten neue Läsionen auf, muss geprüft werden, ob Beißgeschehen, Haltungsbedingungen oder andere Ursachen beteiligt sind.
In der Mast sind Schwanz- und Ohrveränderungen sowie Läsionen an Klauen und Ballen zu erfassen. Die Befunde sollten mit dem Auftreten von Beißgeschehen, dem Stallklima, der Fütterung und möglichen mechanischen Belastungen abgeglichen werden. Eine hohe Leistung allein ist kein Beweis für eine erhöhte SINS-Belastung; entscheidend ist die systematische Auswertung der betrieblichen Befunde.
Eine spezifische Laboruntersuchung, mit der SINS allein sicher bestätigt oder ausgeschlossen werden kann, steht derzeit nicht als alleinige Routinediagnostik zur Verfügung. Die Einordnung erfolgt anhand des klinischen Gesamtbildes, der Verteilung der Läsionen und der betrieblichen Vorgeschichte. Bei Bedarf sind weitere Untersuchungen notwendig, um andere Ursachen abzugrenzen.
Für eine aussagekräftige Beurteilung empfiehlt sich ein strukturiertes Vorgehen:
Eine einzelne Maßnahme, die SINS sicher verhindert, gibt es nicht. Ziel ist vielmehr, vermeidbare Belastungen zu reduzieren, die Tiergesundheit zu unterstützen und Veränderungen früh zu erkennen. Checklisten, wie z. B. die Checkliste von Dr. Eckhard Meyer zur Vermeidung von Verhaltensstörungen und Schwanzbeißen, bieten eine ergänzende Grundlage für die betriebliche Risikobewertung. In der Praxis halten wir ebenfalls Listen und Protokolle zur Hilfestellung vor. Sie sind kein spezifischer SINS-Test. Für eine umfassende Ursachenanalyse sollten sie um die Kontrolle der Schweinegesundheit und um die systematische Erfassung möglicher SINS-assoziierter Veränderungen ergänzt werden. Bei gehäuftem Auftreten, zunehmender Schwere oder gleichzeitig betroffenen Körperregionen muss eine gezielte tierärztliche Bestandsuntersuchung erfolgen.
Eine spezifische ursächliche Therapie gegen SINS ist derzeit nicht etabliert. Die Behandlung richtet sich nach Art und Schwere der Veränderungen sowie nach den festgestellten Ursachen. Dazu gehören die fachgerechte Versorgung von Wunden, die Behandlung relevanter Sekundärinfektionen und eine angemessene Schmerzbehandlung, wenn diese angezeigt ist.
Parallel müssen vermeidbare Belastungen identifiziert und reduziert werden. Antibiotika sind nicht pauschal angezeigt, sondern nur bei entsprechender tierärztlicher Indikation. Auch Fütterungs- oder Haltungsmaßnahmen sollten gezielt auf die erhobenen Befunde abgestimmt werden, statt ohne vorherige Analyse einzelne Faktoren als alleinige Ursache anzunehmen.
SINS erweitert den Blick auf Schwanz-, Ohr- und Klauenveränderungen beim Schwein. Solche Befunde sind nicht automatisch ausschließlich auf Schwanzbeißen zurückzuführen. Gerade das Auftreten mehrerer Läsionen an unterschiedlichen Körperregionen und Veränderungen in verschiedenen Altersklassen machen eine systematische Beurteilung sinnvoll.
Für den Betrieb zählt die Kombination aus früher Erkennung, sorgfältiger Dokumentation, Differenzialdiagnostik und einer strukturierten Analyse von Fütterung, Wasser, Klima, Haltung und Tiergesundheit. So lassen sich Risikofaktoren gezielter erkennen und geeignete Verbesserungen überprüfen.
Sie beobachten in Ihrem Bestand gehäuft Veränderungen an Schwanz, Ohren oder Klauen? Die Tierarztpraxis KNG unterstützt Schweinehalter mit tierärztlicher Bestandsbetreuung, klinischer Befundaufnahme und einer betriebsspezifischen Ursachenanalyse. Gemeinsam lässt sich beurteilen, ob SINS als Erklärung infrage kommt und welche Maßnahmen für Ihren Bestand sinnvoll sind. Jetzt Termin vereinbaren.