Klauengesundheit beim Schwein: Warum sich der Blick nach unten lohnt

Wer im Stall unterwegs ist, achtet meist zuerst auf Fressverhalten, Haut und Gesäuge – die Klauen geraten dabei leicht aus dem Blick. Dabei zählen Klauenläsionen zu den häufigsten Gründen für vorzeitige Abgänge in der Sauenherde: Studien beziffern den Anteil der Sauen, die aufgrund von Fundamentproblemen den Stall vorzeitig verlassen, auf 10 bis 20 Prozent. Grund genug, der Klaue mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als es der Alltag oft zulässt.

Kurzer Blick auf die Anatomie

Die Schweineklaue wächst aus dem Kronsaum heraus, etwa 5 bis 6 mm pro Monat, wobei Alter, Haltungsbedingungen und individuelle Faktoren eine Rolle spielen, und besteht im Wesentlichen aus Wandhorn, Sohle, Ballenhorn und der sogenannten weißen Linie als Übergang zwischen Wand und Sohle. Ein hilfreiches Bild aus der Praxis: Das Horn ist aufgebaut wie eine Mauer – Keratinzellen als Backsteine, eine biotinabhängige Substanz dazwischen als Mörtel. Fehlt einer der beiden Bausteine, wird die Wand instabil.

Die häufigsten Klauenveränderungen

In der Praxiserhebung an Zuchtsauen zeigen sich vor allem folgende Befunde:

  • Wandhornverletzungen und -risse
  • Veränderungen an der weißen Linie, Kronsaumveränderungen
  • Ballenwucherungen bzw. -erosionen
  • Überlange Klauen durch übermäßiges Klauenwachstum („Stallklauen“)
  • Veränderungen der Afterklauen

Diese Läsionen treten selten isoliert auf – meist ist eine Kombination aus mehreren Faktoren aus Fütterung, Haltung, Zucht und Management dafür verantwortlich. Ausmaß und Lokalisation der Befunde sollten systematisch erfasst und im Zusammenhang mit Lahmheiten, Haltung, Bodenbeschaffenheit und Klauenpflege beurteilt werden. Die folgenden Aufnahmen aus der Praxis zeigen typische Befunde:

Klauenspitzenabbruch beim Schwein
Klauenspitzenabbruch
Klaueneinrisse beim Schwein
Klaueneinrisse
Überlange Klauen beim Schwein
Überlange Klauen
Schnabelklauen beim Schwein
Schnabelklauen

Ursachen: Wo Klauenprobleme entstehen

Fütterung und Hornqualität

Die Härte des Klauenhorns hängt maßgeblich von der Versorgung mit den schwefelhaltigen Aminosäuren Cystin und Methionin ab. Dazu kommt Biotin, das Schweine nicht selbst bilden können und das deshalb über das Mineralfutter zugeführt werden muss – ein Mangel zeigt sich schnell in brüchigem Horn und vermehrten Rissen. Aus der Gruppe der Spurenelemente haben Zink, Kupfer und Mangan den größten Einfluss auf die Klauengesundheit, wobei neben der reinen Versorgungsmenge auch die Bioverfügbarkeit entscheidend ist.

Boden und Haltungsumwelt

Trittsicherheit ist das zentrale Stichwort: Böden sollten rutschfest und frei von scharfen Kanten oder Ausbrüchen sein. Die Spaltenweite muss so bemessen sein, dass die Klauen nicht tief einsinken oder hängen bleiben. Eine geringe Spaltenbreite verhindert, dass Klauen tief einsinken, und beugt so Kronsaum- und Wandhornläsionen vor. Betonböden können durch ihre abrasive Oberfläche den Hornabrieb fördern. Ist der Abrieb jedoch zu stark oder ungleichmäßig, kann er das Klauenhorn übermäßig beanspruchen und Läsionen begünstigen. Dauerhaft feuchte und verschmutzte Böden weichen die Haut auf und erleichtern Infektionserregern den Eintritt über Kot und Urin. Eine klare Trennung von Liege-, Kot-, Fress- und Aktivitätsbereich reduziert Verunreinigungen und damit auch das Infektionsrisiko für bestehende Läsionen.

Management und Fütterungstechnik

Fütterungssysteme beeinflussen das Bewegungsverhalten und die Belastung der Klauen. Entscheidend sind dabei vor allem die Gestaltung der Laufwege, die Bodenbeschaffenheit und die Möglichkeit, den Fressplatz ohne übermäßige Konkurrenz zu erreichen. Ein direkter Zusammenhang zwischen Fütterungssystem und Klauenschäden lässt sich jedoch nicht pauschal ableiten.

Zucht und Genetik

Die Stellung der Gliedmaßen und das Bewegungsbild sind teilweise erblich bedingt und werden bei der linearen Beschreibung von Jungsauen bereits im Alter von fünf bis sechs Monaten mitbeurteilt. Wer bei der Sauenauswahl gezielt auf gute Klauen achtet, kann Problemen im Bestand langfristig vorbeugen. Den Jungsauen als Prinzessinnen im Schweinebestand sollte dabei besonders bei der Eingliederung ein besonderes Augenmerk gewidmet sein.

Welche Folgen Klauenprobleme für den Betrieb haben

Klauenerkrankungen bleiben selten ein reines Einzeltierproblem. Sie führen zu Lahmheiten, schränken Schweine in ihrem arteigenen Verhalten ein und werden im Bestand schnell zum Tierschutzthema. Wirtschaftlich schlagen sie sich in Minderleistungen, höheren Ferkelverlusten, geringerer Fruchtbarkeit und – als Endpunkt – im vorzeitigen Abgang der Sau nieder. Die indirekten Verluste durch Klauenläsionen lassen sich dabei kaum exakt beziffern, da sie sich über viele Leistungsparameter gleichzeitig auswirken.

Klauenbonitur: Probleme früh erkennen

Eine regelmäßige Klauenbonitur verschafft den nötigen Überblick über die Herde – besonders sinnvoll ist sie beim Einstallen in den Abferkelbereich. Für die visuelle Bewertung gibt es etablierte Skalen mit Beispielfotos, die eine einheitliche Einordnung erleichtern. Wichtig ist die Dokumentation der Befunde, damit sich Entwicklungen im Bestand über die Zeit nachvollziehen lassen. Auffällige Schweine gehören konsequent in die Krankenbucht, damit sich Läsionen nicht unbemerkt verschlimmern. Eine Krankenbucht erfüllt dabei klar definierte Kriterien, ist gekennzeichnet, entsprechende Schweine sind adäquat versorgt und in Therapie, u. a. markiert, alles ist dokumentiert und selbstverständlich werden lahme Schweine weich aufgestallt.

Ein regelmäßiger Klauenschnitt, wie er in der Rinderhaltung längst Standard ist, spielt beim Schwein noch eine untergeordnete Rolle – dabei kann bereits das einfache Kürzen der Afterklauen viele Verletzungen vermeiden.

Praxistipps für Ihren Betrieb

  • Böden regelmäßig kontrollieren: auf Trittsicherheit, scharfe Kanten und Spaltenbreite achten
  • Funktionsbereiche trennen: Liege-, Fress-, Kot- und Aktivitätsbereich klar voneinander abgrenzen
  • Mineralfutter überprüfen: Versorgung mit Biotin, Zink, Kupfer und Mangan im Blick behalten
  • Fütterungstechnik hinterfragen: Laufwege und Bodenbeschaffenheit im Blick
  • Klauenbonitur etablieren: regelmäßig kontrollieren, dokumentieren und Auffälligkeiten konsequent nachverfolgen
  • Bei der Sauenauswahl auf Klauen achten: Fundament und Gliedmaßenstellung als Auswahlkriterium mitdenken

Fazit für Schweinehalter

Klauengesundheit ist selten das Ergebnis eines einzelnen Faktors, sondern das Zusammenspiel aus Fütterung, Bodenbeschaffenheit, Management und Genetik. Wer regelmäßig bonitiert und dokumentiert, erkennt Probleme frühzeitig – bevor aus einer kleinen Läsion eine Lahmheit oder gar ein vorzeitiger Abgang wird. Übrigens: Auch beim Entzündungs- und Nekrosesyndrom SINS spielen die Klauen als eine der betroffenen Körperregionen eine wichtige Rolle – ein Grund mehr, sie im Bestand konsequent im Blick zu behalten.

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